Vom “Ende der Kreidezeit” und anderen inhaltsleeren Kampfbegriffen

Aus Anlass eines jüngst veröffentlichten Kommentars in der Mittelbayerischen Zeitung möchte ich meine Sicht der Dinge hier darlegen und zugleich einiges richtigstellen, denn eines kann und verzeiht die Diskussion um moderne Bildung nicht: Oberflächlichkeit.

Das Ende der Kreidezeit

Ich weiß nicht, wie oft diese Redewendung bereits aus der journalistischen Mottenkiste hervorgewühlt wurde, aber ich weiß, dass sie jedes Mal aufs Neue in die Irre führte und meist nicht mehr als die Funktion des sprichwörtlichen Feigenblatts erfüllte. Was soll man sich darunter vorstellen?

In den frühen 2000ern nutzte man den Begriff besonders gerne im Kontext mit so genannten interaktiven Whiteboards, die alle Kreidetafeln bald ersetzen würden. Meine Erfahrung zeigt mir, dass dies nicht nur inkorrekt war, sondern die Tafel in manchen Schulen gar ein nicht für möglich gehaltenes Comeback feiert (freilich ergänzt durch moderne weitere Hilfsmittel!). Die Presse griff damals beinahe jedes Klassenzimmer auf und fand einen Pädagogen, der den großen Durchbruch propagierte. Die Realität war häufig eine andere: Denn einmal mehr bestätigte sich, was John Hattie 2009 bereits formulierte: “Nur weil ein schlechter Lehrer seinen schlechten Unterricht digital abbildet, hält er noch lange keinen besseren Unterricht!”

Wahrscheinlich nutzte der Autor den Begriff im übertragenen Sinne und verwendete bewusst diese Symbolik: Dann aber muss man genau analysieren, worin die Krux besteht. Pauschal den aktuellen Unterricht und das Bildungssystem zu verurteilen, ignoriert die Unterschiedlichkeit der Bildungslandschaft in Deutschland, verkennt aktuelle Entwicklungen (Dass “Trichterlernen” längst nicht mehr Standard ist, sollte ein Kollege, der aus einer Schulart kommt, in der Projektarbeit seit Jahren eine Form der Leistungsmessung ist, nicht verschweigen!) und erweist sich als wenig hilfreich.

Analogien und Vergleiche

Ich weiß nichts über das Schulsystem in Luxemburg und maße mir nicht an, hier eine inhaltliche Aussage zu treffen. Aber mit dem finnischen System habe ich mich aufgrund der Ergebnisse der ersten Pisastudien etwas beschäftigt: Der Kommentator fordert für Deutschland die “finnische Lösung”, die es nur den 15% Besten eines Jahrgangs ermöglicht, Lehrer zu werden. Dass eine solche Maßnahme positiv wirken kann, ist spätestens 10 Jahre nach dem glänzenden PISA-Abschneiden Finnlands evident. Allerdings sollte man auch nicht unterschlagen, dass seit mehr als 10 Jahren in Finnland genau diese Regelung/Zugangsbeschränkung abgeschafft ist (u.a. angeblich weil man den Bedarf an Pädagogen nicht mehr decken konnte). Eine weitere Erkenntnis schon damals: Obgleich das Bildungssystem in Finnland ein gänzlich anderes ist, schnitten Kinder aus Helsinki genauso gut oder schlecht ab wie solche aus München.

Die Langzeitergebnisse von PISA stellen weder Finnland noch Luxemburg ein Zeugnis aus, das – vorsichtig formuliert – besonders hervorzuheben wäre.

Also alles gut im Lande der Dichter und Denker?

Natürlich nicht. Wer gedacht hätte, ich würde hier ein apologetisches Werk auf das (bayerische) Schulsystem verfassen, irrt. Ich bin nur der Meinung, dass es nicht zielführend ist, pauschal Dinge zu behandeln, die man nicht pauschal behandeln darf. Die digitale Transformation bedeutet für mich schlicht und einfach die Erweiterung der pädagogischen Möglichkeiten und des handwerklichen Portfolios, das eine Lehrkraft in diesen Zeiten kennen und im Idealfall beherrschen muss. Wenn sich dann bei der didaktischen Aufbereitung des Unterrichts die Kreidetafel als zielführend erweist, sehe ich darin nicht das geringste Problem. Entscheidender Kernpunkt bei allen Maßnahmen ist für mich weder die Frage nach der Methodik noch die der Systematik, sondern: “Was kommt beim Schüler in sinnvoller Art und Weise an, so dass es ihm nützt?”

Probleme sehe ich in den nicht vorhandenen Qualifikationsmöglichkeiten für interessierte Lehrkräfte, einem eigentlich nicht vorhandenen Qualitätsmanagement, dem Glauben vieler Verantwortlicher, das “alles ließe sich nebenbei erledigen”, einer unkritischen narzisstisch geprägten Selbstzufriedenheit, die mancherorts festzustellen ist, fehlender Empathie bei der Bewältigung der digitalen Transformation, der zurecht kritisierten häufig unprofessionellen schulischen IT-Infrastruktur …. ich könnte noch lange weiterschreiben Sad smile

Was noch zu sagen bleibt …

Es ging mir in meinen Ausführungen nicht darum, einen Kollegen persönlich anzugreifen oder zu diskreditieren. Ich bin nur der Überzeugung, dass es kein EntwederOder, sondern ein SowohlAlsAuch geben muss, das mit Augenmaß und Geschick (möglichst) alle am Prozess Beteiligten mitnimmt. Andernfalls werden wir – davon bin ich überzeugt – grandios scheitern.

VideoConferencing in der Schule–ein Blick auf den Markt

Spricht man über Digitalisierung im schulischen Umfeld, so stößt man im Laufe dieser Diskussionen immer wieder auf die Möglichkeiten, die das Web und seine Technik gerade im Bereich Kommunikation bieten. Neben den bekannten und am häufigsten genutzten Wegen wie Email oder Social Media bieten so genannte VideoConferencing-Tools eine Menge neuer Möglichkeiten, die im Bereich der Wirtschaft längst zum Alltag gehören und dabei nahezu völlig akzeptiert sind.

Im schulischen Umfeld sieht dies freilich anders aus, obgleich die Anwendungsszenarien nicht weniger attraktiv zu sein scheinen. Denkbar wären …

  • individuelle Betreuung von Schülern
  • unterrichtliche “Versorgung” von kranken Schülern
  • Online-Sprechstunden zur Prüfungsvorbereitung
  • Online-Fortbildungen
  • Dienstbesprechungen

Ob und inwieweit diese Anwendungsbereiche sinnvoll sind, welche Chancen und Risiken sie bieten, ist dabei nicht Gegenstand dieses Artikel.

Es geht vielmehr um etwas Anderes:

Im Gegensatz zur Wirtschaft verfügt das schulische Umfeld nicht über Mittel, die den finanziellen Aufwand, den solche Angebote verursachen, abdecken. Aus diesem Grund habe ich mir in den vergangenen Wochen einzelne Angebote angesehen und versuche im Folgenden, meine Erfahrungen zu schildern.

 

Dabei erhebt meine Aufzählung keinen Anspruch auf Vollständigkeit und kann nur meine Eindrücke wiedergeben.

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Digitale Bildung–was ist das eigentlich?

Die Fragestellung im Titel ist genau jene, von der ich glaube, dass keiner tatsächlich in der Lage ist, diese eindeutig und umfassend zu beantworten – ich, der ich vom technischen Bereich komme, schon gleich gar nicht. Aber dennoch ist es genau diese Frage, die mich umtreibt – unter anderem dazu, diese Zeilen zu schreiben. Im Folgenden möchte ich mich an einer Bestandsaufnahme versuchen, die zwar bei Weitem keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, von der ich mir aber wieder etwas mehr “psychische Hygiene” verspreche… Winking smile

Digitale Bildung – ich weiß es genau

Diese Sichtweise wird meiner Erfahrung nach häufig von Leuten vertreten, bei denen leider zu oft genau das Gegenteil der Fall ist. Dabei möchte ich wirklich niemanden zu nahe treten, aber dieser Standpunkt verdeutlicht in erster Linie und auf dramatische Weise für den Betroffenen den Verstoß gegen ein uraltes Axiom aus der IT (und nicht nur daher!): “Wer glaubt, er kenne sich wirklich aus, hat nur zu wenig Informationen!”

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