Neue Prüfungsformate: Ein Projektbericht

Von | 3. Mai 2021

Im folgenden Blogpost schildere ich meine Erfahrungen zu einem etwas umfangreicheren Projekt, das mir Erkenntnisse liefern sollte, wie moderne Prüfungsformate der Zukunft aussehen könnten.

Dieser Post dient auch der Selbstreflexion, da mich dieser Post dazu zwingt, das Projekt tatsächlich strukturiert zu analysieren – ein Arbeitsschritt, der also ohnehin fällig gewesen wäre 😉

Die Ausgangssituation

Alle Schülerinnen und Schüler von zwei 10. Klassen (bayerische Realschule) befanden sich im Distanzunterricht. Die Prüfung sollte sich über 3 Unterrichtsstunden erstrecken und im Fach Katholische Religionslehre stattfinden. Alle SchülerInnen hatten mindestens ein Tablet zur Verfügung. Die Kommunikation sowie der gesamte Unterricht würde über MS Teams abgewickelt.

Weder das Fach noch die Kommukationslösung spielen bei den folgenden Ausführungen eine Rolle. Will heißen: Die Arbeitsweisen lassen sich beliebig auf andere (gesellschaftswissenschaftlich?) Fächer übertragen. In Sachen Kommunikationslösung ist eine solche zwingend erforderlich. Aber die Kombi aus Threema und BBB oder das Lernen-Modul vom Schulmanager mit Videokonferencing-System wäre ebenfalls geeignet.

Die Anforderungen

Bei der Konzeption sollten folgende Aspekte zwingend erfüllt sein:

  • Die Schüler sollten kreativ werden
  • Es sollen Wahlmöglichkeiten bestehen
  • Den Hintergrund sollen die Unterrichtsinhalte der vergangenen Stunden bilden
  • Alle SchülerInnen sollten alle Produkte der anderen sehen können.
  • Die Peer-Feedback soll ermöglicht werden
  • Die Werkzeuge sollen einfach zu benutzen sein.
  • Alles muss plattformunabhängig sein

Die Aufgabenstellung

Den SchülerInnen wird mittels eine Webseite (umgesetzt mit h5p) eine Übersicht über die Möglichkeiten präsentiert, die Ihnen die Wahl lässt. Dabei ist zunächst Einzelarbeit gefragt, so dass sich jede(r) für ein Projekt nach Wahl entscheiden kann.

Zur Auswahl standen:

  • Erstellung eines Social-Network von Jesus mit dem Tool draw.io
  • Erstellung einer Timeline des Lebens das historischen Jesus (Tool draw.io)
  • Erstellung eines Learning-Snacks zum historischen Jesus
  • Sammeln von Anklagepunkten gegen Jesus sowie einer Veretidigungsrede (Kollaboration im Team mit dem Tool yopad.eu)

Jeder musste sich für einen Arbeitsauftrag in ein Formular eintragen, das am Ende der Präsentation verlinkt war.

Hier die grundlegende Präsentation zur Themenwahl

Hier die Aufgabe zur Abgabe in MS Teams:

2021 05 02 21 47 48

Wahl der Aufgaben

Das Ergebnis der Wahl sah dann über beide Klassen hinweg so aus:

2021 05 01 21 25 29

Die Umsetzungsphase

Den SchülerInnen waren die vorgeschlagenen Tools bereits bekannt aus anderen Arbeitsphasen. Für draw.io wurde zusätzlich noch ein kurzes Videotutorial zur Verfügung gestellt.

Die Schüler hatten 90 Minuten Zeit (also eigentlich zwei Unterrichtseinheiten; faktisch natürlich mehr, weil zwischen den zwei Einheiten drei Tage lagen), das Ergebnis in (diesem Fall in Teams) eine Aufgabe hochzuladen. So konnten dabei alle Ihnen zur Verfügung stehenden Hilfsmittel im Internet nutzen. Eine Hilfe durch Eltern war insofern sogar erwünscht, dass das Produkt zur „Qualitätssichung“ den Eltern gezeigt werden sollte.

Der Kriterienkatalog und die Wertung wurden vorher klar kommuniziert.

Kriterienkatalog.pdf

Im Sinne eines „Formative Assessments“ stand ich beratend die ganze Zeit zur Verfügung und wurde immer wieder in die „Entwicklung“ miteingebenden, indem ich Rückmeldungen, Tipps, konstruktive Kritik … beitrug.

Bewertung

Die Bewertung durch den Lehrer erfolgte mittels zweier Schemata:

Im ersten wurden ganz konkret die einzelnen Kriterien betrachtet (Urheber dieses Schemas, das sich in Teams mittels der unten angefügten CSV-Datei importieren lässt, sind meine beiden Kollegen Andreas Oswald und Florian Nigl)

2021 05 02 21 41 40

Ebook.csv

Um den SchülerInnen aber einen schnellen Überblick zu ermöglichen, wurde zudem eine „gewohnte“ Skala eingeführt und auch dort as Feedback hinterlegt.

2021 05 02 21 38 22

Peer-Feedback /Bewertung Teil 2)

Zusätzlich zur Bewertung der Lehrkraft sollten auch die SchülerInnen noch die Möglichkeit haben, die einzelnen Produkte zu bewerten. Dies erwies sich in der Umsetzung als schwieriger als zunächst gedacht.

Alle Produkte wurden auf ein MiroBoard geladen und der Link mit der Berechtigung „can comment“ an alle Mitglieder der Klasse verteilt:

2021 05 03 16 23 41

Anschließend sollte jeder Schüler/ jede Schülerin sich zwei Werke von Mitschülern wählen und diese begutachten. Aus den Kommentaren wurde dann ein Durchschnitt gebildet, der ebenfalls mit 20% in die finale Bewertung miteinfloss.


Np complex 3856860 000000 war daran kompliziert? Ursprünglich wollte ich die einzelnen Produkte mit der Voting-Funktion von Miro bewerten lassen. Das erwies sich allerdings als nicht umsetzbar, weil gleichzeitige Votings in verschiedenen Bereichen eines Boards nicht vorgesehen sind. 

So entschieden wir uns, auf Comments auszuweichen.

Was zudem ein großes Problem war: In der Browserversion von Miro sind einige Funktionen aus der App schlicht nicht vorhanden. So konnte man zum Beispiel seine eigenen Produkte auf einem Tablet oder Smartphone (über den Browser) nicht hinzufügen zu einem freigegebenen Board, Dies ließ sich nur mittels App erreichen.

Die Ergebnisse

Die Ergebnisse sprechen für sich und bedürfen keines weiteren Kommentars:

Klasse 10c

Sammlung der Klasse 10c

10a

Samsung der Klasse 10a

Selbstverständlich haben alle Schülerinnen und Schüler ihr Einverständnis zur Veröffentlichung gegeben. Danke dafür, Mädels und Jungs!!!! 

Die Evaluation

Ein zentraler Ansatz der inneren Schulentwicklung ist in meiner Erfahrung das Qualitätsmanagement. Wie gut funktioniert eine Maßnahme? Wo liegen die Schwächen? Wo sind Fehleinschätzungen zu befürchten?

Die SchülerInnen wurden aus diesem Blickwinkel zum Projekt befragt. Die Ergebnisse finden sich im Folgenden:

2021 05 03 17 10 23

2021 05 03 17 12 48

Mein Fazit

Die Reflexion des Projekts war mir ein besonderes Anliegen, ging es doch darum, für mich selbst zu erproben, inwieweit eine vergleichsweise freie Aufgabenwahl zu einem sinnvollen Projekt und damit einer für alle hilfreichen Bewertung führt.

Meine Erkenntnisse in übersichtlicher Form:

  • Die SchülerInnen waren engagiert und überwiegend intrinsisch motiviert.
  • Die Ergebnisse waren durch die Bank überzeugend.
  • Peer-Feedback und Formative Assessment sind keine Aufgaben, die man so nebenbei erledigt und verursachen einen gehörigen Aufwand.
  • Der Vorbereitungsaufwand war um einiges höher als bei einer gewohnten Prüfung.
  • An einem Smartphone ist die Wahrscheinlichkeit auf besserer Ergebnis geringer als an einem vollwertigen Desktop/Laptop. Oder kurz gesagt: Die Ausstattung ist nicht zu vernachlässigen!
  • SchülerInnen waren im Umgang miteinander sehr fair!
  • Die Identifikation mit dem Produkt ist nicht zu unterschätzen und signifikant höher als bei einer vergleichbaren „Alltagsprüfung”
  • Die Bewertung ist ebenfalls zeitaufwendig, genau wie die Präsentation. Hier ist nochmals ein Zeitkontingent einzuplanen.
  • Kreativität und der Umgang mit modernen Medien bringen zusammen mit einer tieferen inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Thema einen echten Mehrwert.

Der langen Rede kurzer Sinn…

Die Herausforderungen und der Aufwand sind nicht zu unterschätzen und stellen an die Lehrkraft neue Anforderungen, die neben zusätzlicher Zeit auch weitere Unwägbarkeiten mit sich bringen. Aber ich würde den Weg jederzeit wieder gehen und bin überzeugt, dass diese Art der Leistungsmessung unschätzbare Vorteile für unsere SchülerInnen bedeuten und das ein Weg sein kann, der Kompetenzgewinn und positive Erfahrungen, aber auch einen (mitunter herausfordernden) Lernprozess unter einem Format vereinen kann!

Zusammen mit vielen KollegInnen an meiner Schule und in der #twlz-Community werde ich versuchen, weitere Erfahrungen zu kanalisieren und neue Erkenntnisse zu sammeln.

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