Agilität, VUKA, SAMR, “Mehrwert” – es sind inzwischen viele Buzzwords unterwegs, wenn es um Entwicklungen in der digitalen Bildungswelt geht. Und genau diese (viel zu häufig genutzen) Buzzwords sind verantwortlich für eine Entwicklung, die nachdenklich stimmen muss: Dem geneigten Betrachter drängt sich der Eindruck auf, dass in all dem VUKA-Wahnsinn inzwischen die Meta-Blogposts, Meta-Artikel, etc. dominieren, in denen in elabortiertem, scheinbar der Dogmatik entliehenem Sprech ausführlich erläutert wird, warum man keinesfalls von einem Mehrwert sprechen dürfe oder warum der Pädagogik ein Primat vor der Technik einzuräumen sei. Diese Ausführungen haben ihre Berechtigung und sind keinesfalls überflüssig. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass motivierte Lehrkräfte – und ja: Davon gibt es sehr viele! – auf der Suche nach etwas anderem sind: Nach Informationen, Material, Hilfen, Tutorials, etc., die ihnen die Anpassung, Weiterentwicklung und Optimierung ihres Unterrichts an die aktuellen Erfordernisse erleichtert.

Bis dahin scheitert dieser Blogpost an seinen eigenen Ansprüchen: Sie lasen bisher just einen jener Meta-Artikel, die soeben kritisiert wurden.

Also auf in die Zukunft: Was ist “Agiles Lernen”?

Oder provokant gefragt:Was haben wir bisher betrieben? Schwerfälliges, statisches Lernen? Die Antwort ist ebenso einfach wie wenig hilfreich: Genauso wie es nicht den Unterricht gibt, genauso wenig gibt es das Lernen. Immer schon war es ein Vorteil, wenn sich ein Pädagoge hinterfragt, seinen Unterricht weiterentwickelt und nicht die ewig alten Materialien zum x-ten Male recycelt. Andererseits ist es keinesfalls verwerflich, wenn bewährte Materialien mehrfach Verwendung finden – eher das Gegenteil. Der entscheidende Punkt scheint zu sein, dass die Notwendigkeit an sich, sich weiterzuentwickeln gesehen wird. Sie ist meiner Erfahrung nach die Grundlage für jede Agilität. “Agiles Lernen” meint meiner Meinung nach Bereitschaft, sich weiterzuentwickeln. Oder wie es der Innovationsexperte Markus Reimer besser ausdrückt:

“Agilität ist nichts anderes als permanente erfolgreiche Anpassung an die Rahmenbedingungen – mit oder ohne Design Thinking!“

Wichtig dabei: Agiles Lernen wird dabei von allen Beteiligten gefordert: Schülerinnen und Schüler sollen agil lernen, sich mit aktuellen Werkzeugen aktuellen und künftigen Herausforderungen stellen können. Lehrkräfte sollen agil lernen, um ihren Unterricht an die zitierten Rahmenbedingungen anpassen zu können.

Wie funktioniert agiles Lernen im schulischen Alltag?

Es wäre anmaßend und überheblich, wüsste ich auf diese Frage die ultimative Lösung. Aber man verfügt über Erfahrungen, die (hoffentlich!) zur Lösung beitragen können. Und genau diese Erfahrungen möchte ich im Folgenden beschreiben (in der Hoffnung, dass sie dem einen oder anderen weiterhelfen!).

Agiles Lernen: Der Schüler

Schülerinnen und Schüler agieren in meinem BYOD-Umfeld mit ihren eigenen Geräten, zumeist mit ihrem Smartphone. Dabei steht aber tatsächlich nicht die Technik im Mittelpunkt, sondern ein Prozess und letztlich auch das Produkt.

Ein Beispiel aus dem Religionsunterricht: Mittels Wordcloud werden Begriffe gesammelt und geordnet, die beschreiben, was Schülern in einer funktionierenden Beziehung wichtig ist. Zu den wichtigsten Begriffen erarbeiten Schüler dann in Kleingruppen ein kleines Rollenspiel, das der gesamten Klasse ermöglichen soll, die Begriffe erlebbar zu machen. Was banal klingt, erwies sich in der Praxis als sehr viel wirksamer, als diese Begriff erklären und die Inhalte dann sichern zu lassen.

Ein anderes Beispiel: Nach dem Abschluss einer Unterrichtssequenz wird anstatt eines klassischen Leistungsnachweises gemeinsam (in dem Fall mittels BookCreator) ein Ebook mit sämtlichen Inhalten der Sequenz erstellt, wobei jeweils eine Gruppe von ca. vier Schülern für ein Kapitel verantwortlich zeichnet. Das Ergebnis ist noch nicht final, aber hat mich bereits jetzt beeindruckt.

Man muss an dieser Stelle die Frage stellen: Was ist daran besonders agil? Streng genommen eigentlich nichts, denn all das wäre – in etwas anderer Form – auch schon vor 10 Jahren möglich gewesen. Die entscheidende Frage aber lautet: Wäre es auch so gemacht worden? Diese Frage kann jeder nur für sich beantworten. Für meinen Teil gebe ich zu: Eine Wordcloud  ohne Smartphone hätte den Aufwand nicht gerechtfertigt, ich hätte nicht alle Schüler erreicht und aktiviert und dementsprechend auch keine so hohe Wirksamkeit erzielt. Diese Aktivierung bedingt eine Agilität, die nicht möglich ist, wenn der Einzelne sich in seiner Komfortzone wähnt und das Geschehen von Außen verfolgen kann.

Noch deutlicher wird die Notwenigkeit von agilen Methoden im zweiten Beispiel. Es ist an den Schülern, sich so zu organisieren, dass das zu schaffende Werk eine möglichst hohe Qualität aufweist. Interessant dabei: Schüler bringen ihre unterschiedlichen Stärken ein. Z.B. kümmert sich der eine mehr um Inhalte, also redaktionelle Tätigkeiten, während der andere Layout und Look&Feel optimiert. Genau diese Umsetzung ist Agilität, wie ich es mir im Lernprozess wünsche.

Agiles Lernen: Die Lehrkraft

Agilität im Bereich der inneren Schulentwicklung erweist sich im Alltag als essential, aber eben auch als besonders schwierig umsetzbar. Der Grund liegt im System an sich: Jahrzehntelang genügte es, wenn ein motivierter Lehrer einmal bis zweimal im Jahr einen Tag eine Fortbildung besuchte, sich im Idealfall neue Impulse holte und dann seinen Unterricht verbesserte. In Zeiten der Digitalisierung (Oh, schon wieder so ein Buzzword – wahrscheinlich sogar das schlimmste von allen! Winking smile) aber sind diese Verhaltensmuster nicht nur überholt, sondern sogar kontraproduktiv. Ein einfaches Beispiel: Auf einer Fortbildung wird auf einen interessanten Film in einer öffentlich rechtlichen Mediathek hingewiesen. Begeistert nimmt ein Kollege diese Information auf und will sie bei nächster Gelegenheit im Unterricht einsetzen. Nach einer gewissen Zeit stellt er fest, dass das Medium aus rechtlichen Gründen (Nutzungsrechte sind meist zeitliche beschränkt – auch bei Öffentlich-Rechtlichen!) nicht mehr in der Mediathek verfügbar ist. Es zeigt sich, dass in Zeiten der Streaming-Dienste gewohntes Verhalten nicht mehr in der Form funktioniert. Die Antwort darauf heißt (u.a.) Agilität.

Doch wie lässt sich diese Agilität im Alltag umsetzen und fördern?

Erneut steigen wir in die Untiefen der Buzzwords hinab: WOL, CoP, PLN, MicroSschiLFs… bezeichnen Begriffe, die Antworten auf diese Frage liefern können. Working Out Loud meint (stark vereinfacht ausgedrückt) eine Methode, nach der man ein Problem in die (Online?)Gemeinschaft “ruft” und sich verschiedene Leute melden, die eine mögliche Lösung anbieten. Twitter mit Hashtags wie #twitterlehrerzimmer, #edupnx oder #BayernEdu ist ein unfassbar großer Pool an Inspiration und Lösungsansätzen, im Rahmen dessen man sich der Methode WOL bedienen kann. Im weiteren Sinne erfüllt Twitter auch die Anforderungen an eine Plattform, mittels derer man sein persönliches Lernnetzwerk (PLN) aufbauen und pflegen kann. 

„Agile Organisationen bauen vor allem auf funktionierende Netzwerke. Und Netzwerke sind weitaus mehr, als nur eine Kontaktanfrage zu senden oder eine solche per Mausklick zu bestätigen. Dann hat man Kontakte, aber kein Netzwerk.“

Markus Reimer

Dass zu einer solchen agilen Organisation (hier: Schule) weit mehr gehört als eine Gruppe motivierter KollegInnen, versteht sich dabei von selbst und ist eine ebenso banale wie notwendige Einsicht.

Eine agile Schule kann nur gelingen, wenn sich alle Beteiligten, also Eltern, Schüler, Lehrkräfte, Sachaufwandsträger und Schulleitung einig sind in der Notwendigkeit und ein gemeinsames Ziel verfolgen. Oder um es mit Markus Reimer zu sagen:

„In einer agilen Organisation darf ein Abwägen zwischen Geben und Nehmen keine Rolle mehr spielen. In einer agilen Organisation geht es immer ums Ganze. Ums große Ganze.“

Zitate stammen von https://markusreimer.com/zitate-markus-reimer/