Bob Blume (@blume_bob) ruft auf zum “Bloggen” rund um das Thema “zeitgemäße Bildung”. Da greife ich doch gerne in die Tasten, um meine neu gewonnene Freude an #Markdown (THX an Armin Hanisch aka @Der_Linkshaender) zum Einsatz zu bringen ;).

Aber Vorsicht!

Wie vielleicht der Titel schon erahnen lässt, wohnt diesem Text eine ironische Note inne … wohlwissend, dass Ironie in der Schule nicht immer funktioniert 😉

Die Vorgeschichte

Ein unbedarfter, motivierter und geek-gefährdeter Pädagoge zog einst (2005) aus, um im niederbayerischen Ausland auf unfassbar viele Kolleginnen und Kollegen zu treffen, die an einer neu gegündeten Schule nahezu paradiesische Zustände vorfanden, um neue Methoden, neue Techniken oder ganz einfach: anderen (modernen?) Unterricht zu machen. Rasch entwickelte sich tatsächlich eine Kultur, die man heute mit Begriffen wie “Kultur des Teilens” oder “Kokonstruktion” in Verbindung bringen würde. Besonders beeindruckend (vor allem auch im Rückblick): Bereits damals beschäftigte man sich mit anderen Prüfungsformaten, tauschte Erfahrungen (auch und vor allem schlechte!) aus und pflegte ein bis heute nicht wieder erlebtes Miteinander. Soviel zur Vorgeschichte und bis dato ohne Ironie! 😉

Was hat diese Vorgeschichte mit Bob’s Thema zu tun?

Zunächst einmal gar nichts! Aber es wäre ja keine VorGeschichte, wenn danach nicht auch noch die eigentliche Story folgen würde 😉

Im Laufe der Zeit zerstreute sich das Kollegium der damaligen “Neugründungsschule” in alle Winde, ohne den Kontakt und die Freundschaften zu verlieren. Immer wieder traf und trifft man sich auf verschiedensten Veranstaltungen, tauscht Erfahrungen aus, bietet Workshops an und versucht, die Sache (=den Unterricht) weiterzuentwickeln. Gut 10 Jahre später betritt die Gruppe tatsächlich völliges Neuland: Tauschte man sich bisher auf den “klassischen” Kommunikationswegen (Fortbildungen, Skype-Sessions, Foren…) aus, so wagte man sich sodann in die extrem dynamische, vielfältige Welt von Twitter.

Um es vorweg zu nehmen: Das Neuland sollte sich als echte Fundgrube erweisen, die der Entwicklung nochmals eine nicht für möglich gehaltene Energie zuführte.

Aber wie es sich mit Energie so verhält, ist diese mitunter schwer zu kontrollieren. Das Gute daran: Das will auch niemand! Aber andererseits ist jedem, der schon einmal an einen Viehweidedraht gefasst hat, schnell klar, dass Energie auch ihre Schattenseiten hat. 😉

Und so begab sich die Kombo auf Entdeckungsreise und suchte nach dem heiligen Gral der Pädagogik: dem perfekten Unterricht, der die Schülerschaft begeistert, sie motiviert, auf dem neuesten Stand der Technik ist und ihnen so alle Chancen für die Zukunft offen lässt.

Doch der Gral wäre nicht der Gral, wenn er sich so einfach finden ließe. Und wie bereits Indiana Jones erfahren musste, gibt es zahlreiche Fake-Grale, die es außen vor zu lassen gilt. Andernfalls kann man ziemlich schnell ziemlich alt aussehen.

Neben diversen anderen Gral-Modellen wie dem “Mehrwert”, den “falschen Tools” oder den “falschen Unterrichtsformen” wurde auch der Gral der “zeitgemäßen Bildung” angeboten und für geeignet erklärt, komplexe Zusammenhänge treffend zu subsumieren. Aber ist dieser Gral tatsächlich einer, aus dem sich trinken lässt?

Ich halte es in dem Zusammenhang mit einem etwas angepassten Zitat der Fußballlegende Otto Rehagel:

Es gibt keine zeitgemäße oder unzeitgemäße Bildung, sondern nur gute oder schlechte!

Die Debatte, ob das Kind einen Namen haben muss, überlasse ich anderen. Ich bin nur beeindruckt, wie rund um den Begriff “zeitgemäße Bildung” eine Marke oder sogar ein immer wieder genutzter Hashtag werden konnte.

Ich bin begeistert, dass von diversen mehr oder weniger erfolgreichen Gralshütern zunächst der Begriff “Digitale Bildung” für unpassend erklärt, dann durch den bereits bekannten “zeitgemäßen” Ausdruck ersetzt wurde, um dann höchst “offiziell” wieder in gedruckter Form als “Digitale Bildung” zurückzukehren.

Ich halte es für überragend, dass ein Begriff in seiner ganzen Einfachheit so breit und auf einen einfachen Ausdruck reduziert diskutiert wird.

Es ist schließlich unglaublich wichtig im täglichen Umgang mit Schülerinnen und Schülern, dass man sich als verantwortungsbewusste Lehrkraft im Klaren darüber ist, wen man wie bilden möchte. Da spielen solche Begriffe eine entscheidende Rolle.

Ich bin überhaupt der Meinung, dass wieder mehr über Bildung und diverse Begriffe geschrieben und sinniert werden sollte, als konkret an deren Umsetzung zu arbeiten. Ich sehe die gar nicht so latente Gefahr, dass die Rache der Unzeitgemäßen über unsere Schülerinnen und Schüler hereinbrechen könnte: Schließlich arbeiten Ulmer Hirnforscher nicht erst seit gestern daran, in einem restaurativen Prozess den Lehrervortrag in stundenlanger Monologform fernab von IP-Paketen und Cloudcomputing im Sinne der nächsten Generation wieder zu etablieren.

Umso dankbarer bin ich jenen unerschrockenen Recken, die ihre ganze Energie auf die klare Definition eines Bildungsbegriffs verwenden: Meta als neue Substanz für die Weiterentwicklung! Mensch, was bin ich froh, dass ich auf solche Ressourcen zurückgreifen kann!

ich fand es schon immer völlig unzeitgemäß, wenn eine Lehrkraft z.B. in Geschichte tatsächlich eine solche spannend und für die Schülerschaft mitreißend erzählen kann, so dass diese letzterer unvergesslich im Gedächtnis blieb, Völlig inakzeptabel, da die 4K völlig außen vor bleiben. Um mit Grönemeyer zu fragen:

Was soll das?

Völlig aus der Zeit gefallen! Skandal!

Ich sehe freilich keinerlei Gefahr, dass solche Beispiele die klassischen Abwehrhaltungen von Leuten befördern, denen lebenslanges Lernen ein Graus ist.

Andererseits sehe ich die Angst um den Arbeitsplatz der Gralshüter. Denn wie schon Indy damals eindrucksvoll demonstrierte: Ist der Gral erstmal gefunden, braucht es keinen Hüter mehr!

Doch bis dieser Fall eintreten wird, werden noch viele an den ausgeklügelten Gralprüfungen der Grallobby scheitern. 😉

Finden wir den Gral der “guten Bildung”?

Eine Frage, die ich nicht beantworten kann. Aber ich kenne zumindest einige Inhalte aus dem Tagebuch des Grals, die einen Fund wahrscheinlicher werden lassen:

  • Offenheit für Neues inkl. der Bereitschaft dazuzulernen:
    Wie soll sein Lehrer oder eine Lehrerin glaubwürdig sein, wenn er/sie genau an dem Punkt scheitert, den er seinen Schülern immer vorwirft? Die Rede ist vom lebenslangen Lernen. Denn genau das wird von unserern Schülern tagtäglich verlangt. Bei Lehrkräften ist diese Bereitschaft nicht uneingeschränkt feststellbar. Daher die Forderung: Jede Lehrkraft muss mit einem OpenMindset in ihrem Job die Weiterentwicklung des Bildungsangebots im Blick haben und dazu bereit sein!
  • Kollegialität und ein konstruktives Miteinander:
    Nur wenn die Einsicht da ist, dass sich Schulqualität und damit unweigerlich die Qualität des Bildungsangebots nur verbessern lässt, wenn man sich gegenseitig unterstützt, sich hilft und die Sache vorantreibt, wird sich gute Bildung realisieren lassen.
  • Vorbildfunktion und Menschlichkeit:
    Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Schülerinnen und Schüler viel stärker auf die handelnden Personen Bezug nehmen und darauf reagieren, als ich das früher für möglich gehalten hätte. Meint es der Lehrer ernst? Kümmert er sich um die ihm anvertrauten jungen Menschen? Ist er spürbar “für sie da”? Interessiert er sich für sie (nicht nur oberflächlich)? Kann
    man diese Fragen mit ja beantworten, ist man der Grundlage für eine gute Bildung sehr nah.
  • Leistungsbereitschaft und Transparenz:
    Ein Schüler oder eine Schülerin, der/die ausreichend Feedback und im positiven Sinne Anerkennung für Geleistetes erfährt, kann sich weiterentwickeln. Dabei helfen Ansätze wie ein formatives Assessment oder auch anders geartetes Feedback, das transparent und konstruktiv wahrgenommen wird.
  • Gute Inhalte:
    Gute Bildung vermittelt gute Inhalte, beschränkt sich nicht auf blankes Wissen, sondern bringt dieses zur Anwendung, begeistert im Idealfall die Beteiligten und führt allein dadurch zu einer höheren Effizienz.

Zugegeben: Die meisten Punkte sind wahrlich nicht neu! Aber das war auch nicht zu erwarten und bringt mich zurück zum Ausgangspunkt, nämlich Bob Blume’s Frage nach dem Begriff der “zeitgemäßen Bildung”.

Es ist eben keine Frage von Chronologie und zeitlicher Einordnung… und noch weniger eine Frage des Zeitgeistes! Alle Forderungen gab es in ähnlicher Form bereits lange vor der digitalen Transformation … und das ist auch der Grund, warum das Digitale in keinem Punkt eine Erwähnung findet.

Vielleicht ist es nur der Auslöser, um eine an sich gar nicht so neue Diskussion unter einem neuen Label neu zu starten …. und das muss gar nicht schlecht sein!!!


2 Kommentare

Volker Arntz · 6. November 2019 um 9:30

Ein sehr schöner Text. Die plausibelste Frage ist: Was ist gute Bildung. Die zweite Frage ist dann, was digitale Technik zu guter Bildung beitragen kann. Wenn man schlechten Unterricht digitalisiert, bekommt man noch keinen guten Unterricht. Man hat dann eben schlechten digitalen Unterricht. Digitalisierung kann dazu beitragen Lernende individueller zu fördern. Hier wäre das Gold vergraben.

BLOGPARADE: Zeitgemäßes Lernen konkret #lernparade | Bob Blume · 5. November 2019 um 19:05

[…] 7. Beitrag: Der Gral der Buzzwords  […]

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